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Elterngespräche-ein Problem? Hier kommen die Pädagogen zu Wort

Elterngespräche und die Zusammenarbeit mit Pädagogen stellt viele Eltern immer wieder vor Herausforderungen.
Nicht selten fühlen sie sich unverstanden, halten ihre Kinder für ungerecht behandelt oder sehen sich vielen Ängsten gegenüber.
Doch woraus entstehen diese Schwierigkeiten? Es gibt sicherlich verschiedene Themen, die da mit hinein spielen können.
Eigene Ängste, schlechte Erfahrungen, ungünstige Glaubenssätze, Missverständnisse… auf beiden Seiten. All das spielt in die Kommunikation mit hinein und beeinflusst diese oft negativ.
Doch eine gute, wohlwollende und wertschätzende Kommunikation ist die Basis für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen wodurch die Kinder wiederum besser unterstützt werden können.
Wie eine gelungene Zusammenarbeit funktionieren kann, habe ich in diesem Artikel bereits ausführlich beschrieben.
Mir ist immer wieder aufgefallen, dass viele Missverständnisse in der Kommunikation entstehen, weil man sich nicht in sein Gegenüber hineinversetzen bzw. dessen Sichtweise nicht nachvollziehen kann.
Deswegen ist es mir ein großes Anliegen hier nicht nur die Eltern zu Wort kommen zu lassen sondern auch die Menschen, die mit den Kindern zusammen arbeiten. ErzieherInnen, LehrerInnen, Schulpsychologen etc.
Ich finde es extrem wichtig auch diese Seite zu hören, denn so kann auch mehr Verständnis entstehen. Und wenn jeder die Situation des anderen nachvollziehen kann, so kann eine wertschätzendere Kommunikation auf Augenhöhe entstehen.
Ich habe Menschen aus verschiedene Berufsgruppen Fragen zu diesem Thema gestellt. Die Ergebnisse möchte ich nun hier mit Euch teilen.
Sie haben alle einen persönlichen Bezug zu HS und haben auch selbst Kinder, so kennen sie die Situation sowohl als Eltern als auch in ihrem Beruf.
Im Anhang findest Du noch Links zu Experteninterviews zu diesem Thema  auf meinem Youtube-Kanal.
Nun möchte ich aber wirklich die anderen zu Wort kommen lassen!

Nicole, unterrichtet die Fächer Politik-Wirtschaft und Biologie an einem Gymnasium:

1. Es geht ja im speziellen um hochsensible Kinder. Seit wann ist der Begriff “Hochsensibilität” für Dich ein Begriff? Hast Du einen persönlichen Bezug dazu oder wie bist Du auf dieses Thema gestoßen?

Ich vermute, dass mein 1. Kind (6 Jahre) hochsensibel ist und nach dem Einlesen, auch 2 weitere Familienmitglieder. Ich bin über die Gruppe zu „gefühlsstarken Kindern“ auf das Thema aufmerksam geworden.
Ich kann nun mit mehr Gelassenheit mit den mir so fremden Gefühls-Vulkanausbrüchen umgehen, habe mehr Verständnis, aber auch mehr innere Ruhe.

2. Hat sich für Dich persönlich oder auch in Deinem Job etwas durch dieses Wissen verändert?

Ich denke schon, da ich als Lehrerin von diversen Diagnosen u.ä. erfahre. Aber ebenso wie gefühlsstark oder Kiss-Syndrom dauert es im kühlen Norden wohl etwas länger, bis sich diese Informationen verbreiten.

4. Denkst Du, Menschen, die mit Kindern zusammenarbeiten sollten sich mit diesem Thema auseinander setzen? Was würde sich damit ändern?

Ich denke, es wäre wichtig generell als Pädagoge über die Breite an Persönlichkeiten und Störungen (Kiss/ Kidd/ AVWS./ persistierende Reflexe..) informiert zu sein- wobei sich mehr und mehr bei mir die Wahrnehmung einschleicht, dass es dahingehend sehr viele Überschneidungen gibt.  Für den Alltag wäre es in Richtung Hochsensibilität aber eher wichtiger, dass es einen guten Austausch zwischen allen Klassenlehrkräften und den Eltern geben sollte, um ggf. Hilfen zu ermöglichen wie Kopfhörer, zusätzliche Ruhepausen o.ä.

4.Wie lange arbeitest Du schon in Deinem Beruf? Hast Du das Gefühl, dass sich die Kinder im Laufe der Zeit verändert haben?

Ich arbeite als Lehrkraft seit 14 Jahren. Die Kinder haben sich weniger verändert, eher ihre Fähigkeiten: Schreib-/ Lese- Kompetenz, Frustrationstoleranz, Anerkennen und Verständnis für grundlegende Regeln des Miteinander – all das hat abgenommen. Aber auch das Prinzip der Eigenverantwortung: Eltern machen zunehmend die Hausaufgaben ihrer Kinder, schreiben ihre Berichte und Projekte, die Kinder haben keine Aufgaben im Haushalt – gleichzeitig fehlt den Kindern das Gefühl/ die Selbsterkenntnis, etwas geschafft zu haben, etwas zu können bzw. Anerkennung für ihre Unterstützungsleistungen zu erhalten. Diese vermeintliche Unterstützung der Eltern führt dazu, dass die Kinder ein geringeres Selbstwertgefühl entwickeln und ihnen wichtige sensomotorische Erfahrungen fehlen.

5.In Deinem Beruf musst Du ja so einigen Anforderungen gerecht werden. Da sind zuerst mal die unterschiedlichsten Kinder, dazu die besorgten Eltern, dann gibts noch Vorgesetzte und ein Bildungsplan, der eingehalten werden muss. Wo sind hier für Dich die größten Herausforderungen?

Die Arbeit mit den Kindern macht  mir immer noch sehr viel Freude. Zu Beginn müssen wir häufig die Einhaltung von wenigen, aber wichtigen Regeln üben- aber nach kurzer Zeit verstehen die Kinder ihre Bedeutung. Als Beispiel: Wenn jemand spricht -egal ob Lehrkraft oder SchülerIn- wird nicht reingeredet, nicht mal geflüstert. So zeigt man sich gegenseitig Respekt, nimmt den Anderen ernst  und kann dem Unterrichtsgeschehen folgen. Und nein, damit ist keine Beschränkung auf Frontalunterricht gemeint, sondern es geht um den Umgang miteinander.
Herausforderungen liegen da eher in den zunehmend bürokratischen Aufgaben, starren Lehrplänen aber auch zu besorgten Eltern. Die Kinder können i.d.R. so viel mehr, als wir ihnen zutrauen. So kommt es dazu, dass Kinder in der Schule über ihren Schatten springen und Dinge tun, die sie sich vorher nie zugetraut hätten. Statt ihnen die dafür zustehende Anerkennung zu geben, wird man von besorgten Eltern angerufen, wie man ihr armes Kind dazu zwingen konnte. Das ihr Kind den Sprung von sich aus gewagt hat (Sprechen vor der Gruppe, Unterstützung des Hausmeisters,..) ist für Eltern manchmal unvorstellbar. Dies führt zu Unmut und teilweise auch überstürzten Handlungen der Eltern. Ich finde das sehr schade: Inzwischen wird eher das Gespräch mit der Schulleitung oder dem Amt gesucht, statt mit der betreffenden Lehrkraft das vermeintliche Problem zu lösen. Dies hat bereits bei vielen, sehr engagierten Kollegen zu Frustration und Rückzug ihrer spannenden pädagogischen Angebote geführt. Diese Entwicklung schadet den Kindern sehr viel mehr, als es jeder pädagogischer Fehler könnte.
Ein weiteres Problem ist die Erwartungshaltung der Eltern, dass ihr Kind nur mit dem Abitur etwas werden könnte. Es gibt inzwischen so viele Möglichkeiten, auch ohne Abitur zu studieren und trotzdem wird vielen Kindern die Laufbahn am Gymnasium regelrecht aufgezwungen, obwohl sie an anderen Schulformen bzw. in einer Ausbildung sehr viel
mehr positive Erfahrungen machen könnten. Es wäre schön, wenn alle mehr die Aussage von Jesper Juul im Kopf hätten, dass wir nicht die Welt auf die Kinder, aber die Kinder auf die Welt vorbereiten können.

6.Was sind Deine persönlichen Herausforderungen im Umgang mit hochsensiblen Kindern (in Deiner Einrichtung)? Was könnte dies einfacher machen?

Wie bei einigen anderen Aspekten auch- ich kann nur entsprechend handeln, wenn ich ausreichend informiert bin. Ich unterrichte durchaus mal 300 SchülerInnen in der Woche, manche sieht man nur an einem Tag für 2 Stunden. Bei jeglichen Besonderheiten (Hochsensibel, Hochbegabt, Allergien, AVWS,..) sollten die Eltern darauf wert legen, dass über die Klassenlehrkraft alle Lehrkräfte der Klasse unterrichtet sind darüber. Hilfreich wäre es, ggf. etwas schriftlich mitzugeben, da die
Hochsensibilität ja sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Und das sollte gleich zu Beginn des/ jeden Schulhalbjahres erfolgen, falls die Lehrkräfte der Klasse gewechselt wurden. So wäre jede Lehrkraft über die Unterstützungsmöglichkeiten informiert und kann die Besonderheiten rechtzeitig einplanen.
Zudem wäre es auch hilfreich, wenn sich Eltern betroffener Kinder austauschen mit den anderen Eltern der Klasse. Nicht alle Probleme basieren auf der Hochsensibilität. Wenn ein Kind sich in einem Fach verschlechtert, kann dies durchaus auch am zunehmenden Abstraktionsgrad des Faches am Gymnasium oder dem Schulformwechsel liegen.

7.Empfindest Du die Kommunikation mit Eltern von normalfühlenden Kindern und Eltern von hochsensiblen Kindern als unterschiedlich? Was genau ist anders?

Nein, das kann man so nicht sagen. Es kommt eher darauf an, wie gelassen Eltern in ein Gespräch gehen. Die Eltern sehen ihr Kind, das gefühlt von einem Lehrer schlecht behandelt wird. Die Perspektive, das es nur ein Kind von vielen ist, denen wir alle gerecht werden müssen, wird von Elternseite oft vergessen. Anders wird das Gespräch eher, wenn die Eltern selbst hochsensibel sind bzw. sich schlecht regulieren können in der Aufregung. Das ist leider für ein pädagogisches Gespräch selten förderlich, da nur in Ruhe, bei gegenseitigem aktiven Zuhören es möglich ist, gemeinsame Lösungen zu finden. Diese können allerdings nicht einseitig sich nur auf die Schule beziehen, nur wenn Schule und das Elternhaus einen gemeinsamen Weg gehen, ist eine erfolgreiche Zusammenarbeit möglich.

8.Was sind Deiner Meinung nach die größten Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Eltern und Pädagogen? Wo genau ergeben sich die Probleme?

  • Wie schon gesagt:
    In weiterführenden Schulen werden nicht immer alle Lehrkräfte über Besonderheiten in der Klasse unterrichtet, was auch an, leider inzwischen häufigen, Wechseln verursacht ist. Hier kann ein Brief helfen.
  • Es wird zu selten der direkte Kontakt zur entsprechenden Lehrkraft gesucht, das ist für alle Beteiligten misslich. Häufig klären sich viele Probleme im Kontakt sehr schnell auf.
  • Es herrscht ein schlechtes Bild von Lehrern, sie seien faul und hätten immer nur Ferien, es wäre daher eine Frechheit, dass sie nicht in der gewünschten Uhrzeit Zeit für einen Termin hätten. Auch Lehrer haben zusätzliche Termine: Neben Konferenzen, Fortbildungen, Dienstbesprechungen, Beratungsterminen, Nachmittagsunterricht müssen wir genau wie andere unsere Kinder abholen, uns um Angehörige kümmern, korrigieren, Arzttermine wahrnehmen usw. Es wäre für die Gespräche hilfreich, wenn auch Eltern grundsätzlich davon ausgehen würden, dass wir ihr Kind gern unterstützen.
  • Häufig wird vergessen, dass die Erziehungsverantwortung in erster Linie bei den Eltern liegt, aber auch die Schule einen
    Erziehungsauftrag hat.

9. Wie würdest Du Dir eine gute Gesprächsbasis und eine angenehme Zusammenarbeit mit den Eltern vorstellen?

Aus meiner Sicht ist in der Regel ein terminiertes Gespräch (persönlich oder telefonisch) immer sinnvoll. Dazu sollten sich aber beide Seiten vorbereitet haben: Es sollte Eltern und Lehrkräften zuvor klar sein, um welches Problem es geht, was ggf. der Auslöser des Problems war und welche Lösung man sich vorstellen könnte, ggf. auf beiden Seiten. Leider werden Lehrkräfte am späten Abend telefonisch oder während des Weges von / zu der Schule „überfallen“- so können keine sinnvollen pädagogischen Absprachen getroffen werden. Zweckmäßig ist es in der Regel, die betroffenen Kinder einzubeziehen und ihre Sicht der Dinge zu erfahren. So fühlen sie sich ernst genommen und gesehen, halten Absprachen eher ein und lernen, sich ggf. selbst bei der Lehrkraft zu melden bei Problemen. Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit sollte als Ziel  erreicht werden können.

10.Manche Eltern haben sehr große Erwartungen und Wünsche bezüglich ihres Kindes. Fühlst Du Dich manchmal auch missverstanden, nicht wertgeschätzt oder persönlich angegriffen?

Wertschätzung von Seiten der Eltern erfährt man noch zum Teil, aber es wird weniger. Mit der Aufgabe der Eigenverantwortlichkeit von Eltern und Schülern wachsen die Erwartungen, was Schule und Lehrkräfte
meistern sollen. Diese Erwartungen können so kaum erfüllt werden. Auch persönliche Angriffe nehmen zu. Mit emotionalem Abstand und Gelassenheit kann ich  das Aushalten, bis der erste Ärger verpufft ist und man sich in Ruhe unterhalten kann. Andere Lehrkräfte, darunter auch hochsensible, leiden jedoch sehr unter solchen persönlichen Angriffen und reduzieren ihrer Arbeitszeit oder ihr Engagement.

11. Was wünschst Du Dir besonders von den Eltern? Was würde Dir die Zusammenarbeit leichter machen?

  • Rechtzeitig kontaktieren und informieren
  • Bei Problemen: Worum geht es ? / Wann war das Problem?/ Terminvorschläge für ein Gespräch/ mit Ruhe in das Gespräch gehen oder zumindest ankündigen „tut mir leid, aber ich muss erst mal Dampf ablassen“
  • akzeptieren, dass  Absprachen nicht nur in der Schule gelten müssen

12. Die Anforderungen in den Kindergärten und in den Schulen steigen immer mehr. Glaubst Du, dass ErzieherInnen und LehrerInnen allen Kindern gerecht werden können?

nein, dazu sind die Gruppen- / Klassengrößen in den Kitas und Schulen zu hoch. Zudem fehlt bei vielen das Wissen zu den Auswirkungen von Bewegungsmangel und es bleibt kaum Zeit für Gespräche mit Eltern.

13. Die Bedingungen in den verschiedenen Einrichtungen werden immer schwieriger. Nicht nur für die Kinder, ganz besonders für hochsensible, sondern auch für die Pädagogen. Hast Du manchmal das Gefühl, Du müsstest mehr machen, aber Dir sind die Hände gebunden bzw. Du hast einfach nicht die Möglichkeit?

In Bezug auf den Unterricht nein, aber in Bezug auf größere Probleme wie Vernachlässigung, Magersucht, psychische Probleme…

14. Gibt es Kinder, die Du gerne mehr unterstützen und fördern würdest, aber Du weißt nicht wie? Würdest Du Dir dabei mehr Unterstützung wünschen?

Ja immer wieder. Aber die Probleme sind so vielfältig, dass ich mir das „wie“ kaum vorstellen kann.

15. Das momentane Kindergarten- und Schulsystem wird ja leider nicht allen Kindern gerecht. Was müsste sich, Deiner Meinung nach ändern, damit es hochsensible Kinder leichter im Kindergarten und in der Schule hätten?

u.a. weg von den unsäglichen Gruppentischen, regelmäßige Ruhephasen mit geringer Lautstärke bzw. Ruhe-/ Leseraum, regelmäßige Bewegungsangebote in der frischen Luft mit Einbindung von Überkreuzbewegungen, Lärmschutzkopfhörer als Schuleinrichtung.

Sandra, Sozialpädagogin, Sozialarbeiterin im Jugendamt

1. Stell Dich und Deinen Beruf/Deine Arbeit bitte kurz vor. Was genau machst Du und mit wem genau arbeitest Du?

Ich heiße Sandra. Mein Beruf ist Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin und von August 2008 bis Februar 2019 habe ich im Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes gearbeitet. Die Aufgabe dabei ist hilfesuchende und -bedürftige Familien zu beraten und ggf. mit sog. Hilfen zur Erziehung zu unterstützen. Dabei sollte der junge Mensch, d.h. das Kind, im Mittelpunkt stehen, was auch heißen kann etwas gegen den Willen von Eltern umzusetzen. Das soll jedoch nur geschehen, wenn ein Kind tatsächlich in seiner seelischen und/oder körperlichen Entwicklung gefährdet ist. Außerdem ist es ganz viel Netzwerkarbeit, da wir die Koordination aller möglicher Gespräch wahrnehmen mit Jugendhilfeträgern (Wohngruppen, Familienhilfen u.ä.), Schulen, Kliniken/Ärzte/Therapeuten usw.

2. Es geht ja im speziellen um hochsensible Kinder. Seit wann ist der Begriff “Hochsensibilität” für Dich ein Begriff? Hast Du einen persönlichen Bezug dazu oder wie bist Du auf dieses Thema gestoßen?

Darauf bin ich erst durch meine Tochter gestoßen, die mit 2 erstmals als möglicherweise hochbegabt eingeschätzt und später mit 4einhalb getestet wurde. Ich habe mich, als das Thema erstmals aufkam, begonnen zu belesen und bin dabei auf HS gestoßen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass unsere gesamte Familie HS sein muss, also unsere Tochter, mein Mann und ich.

3. Hat sich für Dich persönlich oder auch in Deinem Job etwas durch dieses Wissen verändert?

Ich habe plötzlich viel mehr darauf geachtet und daher auch ein paar Kinder/Jugendliche als HS vermutet. Ich bin mit einem anderen Bewusstsein und anderem Blick in die Gespräche und habe schon gestellte Diagnosen kritischer betrachtet. In Gesprächen habe ich versucht darauf einzugehen und auch wo ich konnte auf Institutionen und Helfer eingewirkt, um diese Facette zu berücksichtigen.

4. Denkst Du, Menschen, die mit Kindern zusammenarbeiten sollten sich mit diesem Thema auseinander setzen? Was würde sich damit ändern?

Auf jeden Fall damit auseinandersetzen. Damit werden sicher weniger Missverständnisse entstehen, auch Fehldiagnosen, die die Kinder „krank sprechen“ vermieden. Eltern könnten das Verhalten ihrer Kinder besser deuten und damit umgehen, wenn sie gut beraten würden.

6. Wo siehst Du die größte Problematik in der Kommunikation mit den Eltern/ mit den Kindern? Was denkst Du, wie dies entstehen kann?

Ich glaube, dass aufgrund von Konflikten viel Schamgefühle entstehen können, die dann wiederum blockieren, Aggression sowie Depression hervorrufen können, manchmal auch Autoaggression. Schwierig ist auch, wenn mehrere bzw. alle hochsensibel sind und man sich dadurch gegenseitig an seine Grenzen bringt. Es ist nicht so einfach dabei die eigenen Anteile von denen des Kindes zu trennen.

7. Kommen die Familien eher freiwillig zu Dir oder sind das Pflichttermine?

Sowohl als auch, aber mehrheitlich Pflicht.

8. Fühlst Du Dich von den Eltern ernst und angenommen? Oder fühlst Du Dich oft angegriffen, bzw. sind die Eltern Dir gegenüber oft feindselig?

Meist fühle ich mich ernst genommen und akzeptiert. Natürlich entstehen im Auftrag des unliebsamen Jugendamtes auch mal feindselige Gefühle mir gegenüber, aber ich versuche das zu trennen von meiner Person. Es kommt mal vor, dass es mir nicht ganz gelingt.

9. Wirst Du auch persönlich angegriffen bzw. beleidigt? Wie gehst Du damit um?

Selten, siehe 8.

10.Was ist für Dich persönlich die größte Herausforderung im Umgang bzw. in der Kommunikation mit Eltern bzw. Kindern?

Die Eltern dazu zu bringen, ihre eigenen Bedürfnisse denen ihrer Kinder hintenan zu stellen, zumindest wenn es um essentielle Grundbedürfnisse geht. Dabei kann das auch bedeuten, Eltern zu erklären, dass sie diese Bedürfnisse aktuell nicht selbst erfüllen können und dies ggf. ein anderer in Vertretung tun muss (Pflegestelle, Wohngruppe). Dies in die richtigen Worte zu verpacken ist nicht einfach.

11.Hast Du das Gefühl, dass Du immer neutral bleiben kannst, Persönliches außen vor bleibt?

Nein, das schaffe ich nicht immer vollständig, ich glaube dass ich gewisse Sympathien, Antipathien nicht ganz verstecken kann. Trotzdem reflektiere ich dies und denke ich setze meine Arbeit letztlich weitestgehend neutral um.

12.Wann genau fällt Dir eine Zusammenarbeit besonders schwer? Wann besonders leicht?

Schwer, wenn es sehr aggressiv im Umgangston wird. Leicht, wenn ich den Eindruck habe, dass meine Vorschläge nicht gleich abgeblockt, sondern ggf. auch Dinge ausprobiert werden.

13. Was genau würdest Du Dir von Deinem Gegenüber wünschen, damit eine gute Zusammenarbeit funktionieren kann? Was ist Dein eigener Teil dabei?

Vom Gegenüber Offenheit und Toleranz, die ich natürlich genauso entgegenbringen muss. So kann man sich in der Mitte treffen.

14.Gibt es noch etwas was Du den Lesern mitteilen möchtest?

Auch wenn Pädagogen und Institutionen teilweise verschlossen erscheinen bzw., dass zu wenig geändert wird…man darf nicht vergessen, dass insbesondere öffentliche Angestellte vielen Einschränkungen unterliegen, die oft die Umsetzung der angestrebten Ziele sehr erschweren, bis sogar unmöglich machen (zu hohe Fallzahlen von Jugendämtern z.B., steigende Kita-Bedarfe die zwar mit zunehmenden Bauten ermöglichst werden, jedoch das ausgebildete Personal dafür fehlt, unzureichende Bezahlung macht dazu diese Berufe unattraktiv für ausreichend Nachwuchs…und so weiter).Da steckt man oft in der Zwickmühle zwischen Eltern und den Vorgesetzten bzw. Gesetzen und sonst.Vorgaben.

Silvia, Schulsozialarbeiterin/ -pädagogin

1. Es geht hier im Speziellen um hochsensible Kinder. Wie ist denn Dein persönlicher Bezug zur Hochsensibilität? Wie bist Du zu dem Thema gekommen? Und was hat sich mit dem Wissen darüber für Dich verändert?

Ich bin von meiner direkten Kollegin (Schulsozialarbeiterin) auf das Thema aufmerksam gemacht worden, da sie das starke Gefühl hatte, dass ich HS sein könnte. Ich habe mich daraufhin in das Thema eingearbeitet/ eingelesen und nicht nur mich, sondern auch meine beiden Töchter ganz klar wiedererkannt.
Es verschafft Erleichterung, endlich zu erkennen, dass mein andersartig sein nichts schlimmes ist und ich damit nicht allein bin.
Es hilft mir, ein besseres Verständnis für meine Töchter zu haben, sie zu bestärken.

2. Denkst Du, Du hättest auch von dem Thema erfahren, wenn Du nicht persönlich “betroffen” wärst?

Das ist schwer zu beantworten, da ich ja auch ganz anders interessiert wäre an dieser Thematik. Ich denke jedoch, dass ich wahrscheinlich nicht oder eher zufällig von HSP erfahren hätte. Allerdings nicht so tiefgründig. Insgesamt glaube ich, dass die Thematik HSP in Schule keine Beachtung findet.

3. Gibt es viele hochsensible Kinder, mit denen Du zusammenarbeitest? Sind sich die Eltern, die mit Dir zusammenarbeiten meistens bewusst über die Hochsensibilität ihrer Kinder? Oder machst Du viele erst darauf aufmerksam?

Ich meiner beruflichen Tätigkeit findet HSP kaum Beachtung. Ich habe insgesamt, seit ich selber auf dem Kenntnisstand bin nur einzelne, wenige SchülerInnen mit HSP begleitet. In den vergangenen 3 Jahren als ungefähr 5. Leider sind auch die Eltern, mit denen ich gearbeitet habe, nicht über HSP informiert.

4. Das Thema Hochsensibilität ist eher noch ein Randthema und nicht jeder weiß etwas damit anzufangen. Für wie wichtig hältst Du es, dass Pädagogen sich mit dem  Thema Hochsensibilität auskennen? Würde sich mit dem Wissen darum etwas in Bezug auf die Kinder ändern?

Ich persönlich finde es wichtig, dass es zumindest allen Pädagogen bewusst ist, dass es HSP gibt. Es muss nicht jeder ein Experte auf dem Gebiet sein, aber ich erwarte grundsätzlich, das Pädagogen sich auf die emotionale Basis der Kinder und Eltern mit denen sie arbeiten einlassen können, diese zumindest anerkennen und akzeptieren.

5. Du bist ja Schulsozialpädagogin, d.h. Du wirst meistens erst aufgesucht, wenn es schon Probleme gibt. Was ist Deine Hauptaufgabe mit hochsensiblen Kindern? Vermittlung bei Lehrergesprächen? Unterstützung im Schulalltag?

Die Gespräche mit HSK sind in der Regel für mich die angenehmsten in meiner Tätigkeit. Ich begleite und verstehe sie. Allein das Gefühl verstanden zu werden gibt den meisten HSK ein gutes Gefühl und trägt zur Steigerung des Selbstwertes bei. Wir arbeiten an zweifeln der eigenen Wahrnehmung und überlegen Wege, wie sie bei Schwierigkeiten mit anderen Menschen kommunizieren können.

6. Wie lange arbeitest Du schon in Deinem Beruf? Hast Du das Gefühl, dass sich die Kinder im Laufe der Zeit verändert haben?

Ich arbeite seit 10 Jahren als Schulsozialpädagogin. Natürlich verändern sich die Kinder. Die ganze Gesellschaft entwickelt sich weiter, wird technischer und setzt andere Prioritäten, das spiegelt sich im Verhalten der Kinder deutlich wieder.

7. In Deinem Beruf musst Du ja so einigen Anforderungen gerecht werden. Wo sind hier für Dich die größten Herausforderungen?

Kurz gesagt, es ist schwer sich an ein krankes System anzupassen. Das deutsche Bildungssystem ist nicht zeitgemäß, weist große Lücken und veraltete Reformen auf. Die Kinder in der Schule werden nicht gefördert sich selbst zu entfalten, sondern sich anzupassen. Es gibt gute Ansätze, in verschieden Projekten und innovative Lehrerinnen, die SchülerInnen da abholen, wo sie stehen, aber die Lehrerinnen sind nicht ausgebildet für einen Großteil der Aufgaben, den sie zu bewerkstelligen haben. Und auch ich bin in meiner Position oft mit Aufgaben konfrontiert, die eigentlich psychologischer Natur sind und daher eigentlich gar nicht meiner Zuständigkeit unterliegen sollten. Es belastet mich zu sehen, wie viele Kinder und Jugendliche durchs System fallen.

8. Was sind Deine persönlichen Herausforderungen im Umgang mit hochsensiblen Kindern (in Deiner Einrichtung)? Was könnte dies einfacher machen?

Es ist schwierig sich die Zeit zu nehmen oder zu bekommen um in Ruhe mit den Kindern zu sprechen. Der Zeitfaktor für Gespräche ist generell eines meiner größten Probleme im Berufsalltag.

9. Empfindest Du die Kommunikation mit Eltern von normalfühlenden Kindern und Eltern von hochsensiblen Kindern als unterschiedlich? Was genau ist anders?

Ich empfinde die Gespräche mit Eltern selbst sehr häufig als angenehm. Allerdings ist es bei normalen Eltern mit HSK sehr schwierig diesen zu vermitteln, dass ihr Kind ok ist. Es kommt in der Arbeit mit Eltern gar nicht so sehr darauf an, ob ihr Kind HPS ist oder nicht, sondern, wie groß ihr Interesse ist, sich in ihr Kind hinein zu versetzen, es zu unterstützen, zu akzeptieren und zu lieben. Denn leider ist das nicht bei allen Eltern immer so.

10. Was sind Deiner Meinung nach die größten Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Eltern und Pädagogen? Wo genau ergeben sich die Probleme?

Ich habe oft das Gefühl, als beide Seiten sehr konfrontative Erwartungen an die Gespräche haben. Sowohl Eltern, als auch Lehrerinnen erwarten häufig, dass ihr Gesprächspartner nicht mit ihnen zusammen arbeiten möchte und das beeinflusst häufig von Anfang an die Gesprächsebene. Es ist als hätten die beteiligten oft vergessen, dass es immer und ausschließlich um eine Förderung und Unterstützung des Kindes gehen sollte.

11. Wie würdest Du Dir eine gute Gesprächsbasis und eine angenehme Zusammenarbeit mit den Eltern vorstellen?

Da sind wir wieder bei der Zeit! Als erstes sollten die Gespräche in einem angemessenen Zeitfenster und eine angenehmen Gesprächsatmosphäre stattfinden. Bei Kindern, denen es häufiger zu Konflikten, oder Unterrichtsverweigerungen kommt, sollten regelmäßige Gespräche stattfinden, in denen klare Strukturen und Hilfsangebote besprochen werden, die den Personen zugeteilt werden und beim nächsten Gespräch wieder überprüft werden. Nachhaltigkeit, Ganzheitlichkeit und Wertschätzung!

12. Manche Eltern haben sehr große Erwartungen und Wünsche bezüglich ihres Kindes. Fühlst Du Dich manchmal auch missverstanden, nicht wertgeschätzt oder persönlich angegriffen?

Jein. Ich kann verstehen, dass man für sein Kind das Beste möchte und es gut versorgt weiß. Ich finde es problematisch, wenn Eltern erwarten, dass ich quasi ihren Job übernehmen soll. Also hohe Erwartungen und selber keinen Beitrag leisten. Eigenverantwortung und Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen ist ein Standbein des Elternseins. Es ist auch
schwierig, wenn es immer nur darum geht das Verhalten zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. In diesen Situationen fühle ich mich missverstanden und werde auch persönlich angegriffen, wenn den Eltern nicht klar ist, dass ich ihre Kinder unterstütze und
nicht verurteile.

13. Was wünschst Du Dir besonders von den Eltern? Was würde Dir die Zusammenarbeit leichter machen?

Ich wünsche mir, dass Eltern Zeit und Interesse für und an ihren Kindern haben. Dass sie eine wertschätzende und vertrauensvolle Basis haben und ihre Kinder bestärken ihren eigenen Weg zu gehen.

14. Was wünschst Du Dir besonders von den Lehrern? Welche Veränderungen wären hier hilfreich?

Eine Veränderung des Schulsystems… die Rahmenbedingungen stehen oft dem Aktionismus im Weg. Lehrer sollten das Ziel haben Wissen zu vermitteln, Kinder fürs Lernen zu begeistern und empathisch sein, aber das gibt der Lehrplan nicht immer her.

15. Gibt es Kinder, die Du gerne mehr unterstützen und fördern würdest, aber Du weißt nicht wie? Würdest Du Dir dabei mehr Unterstützung wünschen?

Ja fast täglich. Da meine Kollegin seit einem halben Jahr weg ist, bin ich mit einer halben Stelle allein und ohne kollegialen Austausch. Darüber hinaus bin ich zwar mit anderen Institutionen vernetzt, würde mir aber wünschen direkter mit Psychologen, Therapeuten und anderen Sozialpädagogen zusammen zu arbeiten. Die Vernetzung sollte mehr in den Alltag integriert sein.

16. Das momentane Kindergarten- und Schulsystem wird ja leider nicht allen Kindern gerecht. Was müsste sich, Deiner Meinung nach ändern, damit es hochsensible Kinder leichter im Kindergarten und in der Schule hätten?

Es wäre ein wichtiger Schritt den Mut zur Veränderung des Systems zu haben und die Bereitschaft das ganze anzugehen. Dann Schritt für Schritt in Kompetenzteams zu planen. Hier ist die Erfahrung und Sicht sehr vieler verschiedener Positionen gefragt. Wichtig wäre aber, dass alle das Ziel verfolgen, was brauchen unsere Kinder um besser und lieber zu lernen! Wenn ein Rahmenkonzept steht sollte es erst umgesetzt werden und dann möglichst bundesweit!

17. Gibt es noch etwas, das Du den Eltern bzw. den Lehrern gerne sagen würdest? Etwas, da Du Ihnen mit auf den Weg geben möchtest?

Seid achtsam und wertschätzend im Umgang miteinander und mit euch selbst!

Hier findest Du noch das Interview mit einer Kommunikationstrainerin zum Thema Umgang mit Eltern:

Hier findest Du das Interview mit Micha Strähler, einem Erzieher zu diesem Thema:

In meinem Buch findest Du noch mehr Anregungen, wie Du Dein hochsensibles Kind im Kindergarten und in der Schule besser unterstützen kannst:

Da ich weiß, wie wichtig der Austausch mit Gleichgesinnten ist, lade ich Dich herzlich in meine Facebook-Gruppe: hochsensibel und Löwenstark ein.

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